Las Vegas - Copy, Paste & Casino
Tag 10, 11
Trotz Schneechaos und eiskalten Temperaturen haben wir uns entschieden, morgen loszufahren – ohne Schneeketten und ohne den Transporter (den wir tatsächlich angefragt hatten), der uns aus diesem Schneegebiet weit weg in die Wärme bringen sollte.
Da die Straßen gegen Mittag wegen der Plusgrade schon wieder sauber waren und es am nächsten Vormittag zumindest nicht schneien sollte, gab es grünes Licht. Nahe Kingman (Nevada-Wüste) waren herrliche +8 Grad und starker Regen vorhergesagt – immer noch tausendmal besser als -2 Grad und Schneefall! Wir wollten also einfach nur noch ganz schnell raus aus diesem Winterwunderland.
Die Mopeds sind gut bereift und haben starke Motoren: Einfach nicht zu schnell fahren, in den Kurven nicht zu sehr in Schräglage gehen – dann wird alles jut!
Las Vegas, wir kommen doch!
Heute, am 29.12., haben wir schon um 9:00 Uhr aufgesattelt. Herrlich, wieder auf dem Bock zu sitzen!
Diese 1250 GS zu fahren, fühlt sich wie Zuhause an. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde. Als ich dieses „Monster“ zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich wirklich, das ist kein echtes Motorrad, sondern ein Fake – wie mit dem Zoom vergrößert. Aber sie fährt sich so unglaublich gut und ist absolut robust. Egal ob in der Wüste von Marokko, in den Alpen bei Haarnadelkurven oder im Schneeregen auf dem Asphalt der Highways hier: Sie bringt dich so sicher ans Ziel, dass es fast schon arrogant klingt.
(Nein, ich werde leider nicht von BMW für diese Werbung bezahlt :)
Der Plan: Über den Highway 40 bis Kingman – ca. 200 km vorsichtig durch den Regen bei +6 Grad. Danach hoffentlich trocken bei +14 Grad weiter über den Highway 93 bis nach Las Vegas.
Für dieses Wetter war ich überhaupt nicht vorbereitet. Alles klitschnass – bis zur Unterwäsche! Ich will nur noch ankommen, heiß duschen und Pizza essen. Das ist der einzige Plan.
Auf einer Raststätte wurden unsere Bikes mal wieder von den Amis bestaunt. Mein Englisch wird spürbar besser! Ich liebe die amerikanische Kultur – oder genauer gesagt: die Nicht-Kultur. OMG!
Der Hoover Dam ist wirklich etwas Besonderes, ein absolutes Must-have in Amerika!
Ich hatte mir die Ankunft in Las Vegas immer ganz anders vorgestellt: Du fährst ewig lang durch eine flache Wüste, um dich herum ist nichts, und irgendwann steht da plötzlich Las Vegas. Aber was ist bitte mit diesen spektakulären Bergen hier?! Es ist eine extrem bergige Wüste! Mir ist bei diesen Ausblicken fast schwindelig geworden – was auf dem Motorrad bei höherem Tempo gar nicht mal so ungefährlich ist.
So etwas Unglaubliches habe ich noch nie im Leben gesehen. Das Las-Vegas-Tal von oben zu erblicken, ist, als stünde man auf einem fremden Planeten.
Eingecheckt haben wir im Hotel Circa. Und ja, es ist natürlich ein Casino. Hier befindet sich in jedem Hotel ein Casino – oder eher gesagt: In jedem Casino befindet sich ein Hotel. Laut, voll, grell, bunt – einfach krass!
Ich sitze jetzt in einer Pizza-Bar. Träume werden wahr: Es gibt eine XXL-Salami-Pizza (80 cm Durchmesser!) mit Büffelkäse und dazu einen Riesen-Plastikbecher mit Fanta (500 ml) zum kostenlosen Nachfüllen. Alles zusammen für zwei Personen: 33 Dollar.
Oh Gott, Vollerei ist eine Sünde. Aber... leider geil!
Morgen muss ich noch einen Plan für Silvester erstellen, Haare machen, shoppen, ein Musical besuchen, im Tagebuch weiterschreiben, Wäsche waschen... Aus diesem Hamsterrad steigt man wohl nie aus – selbst im Urlaub nicht.
Ansonsten ist das hier eine ganz normale Großstadt mit extrem vielen Touristen. Ich bin heilfroh, dass wir solche Städte mit den Mopeds erkunden. Man sieht einfach alles aus einem ganz anderen Blickwinkel: realistisch, abenteuerlich und direkt aus der Moped-Visier-Perspektive.
P.S.: Wenn ich diese Notizen heute, drei Jahre später, noch einmal lese und das Buch Form annimmt, fällt mir erst auf, wie krass der Unterschied zwischen Hollywood und der Realität ist. In Filmen wird Las Vegas immer voller Geheimnisse, Magie und abenteuerlicher Geschichten dargestellt. Wenn du dann aber auf dem Moped dort einrollst, siehst du erst mal nur eine riesige Copy-Paste-Maschinerie: An jeder Ecke die gleiche Kombination aus Casino und Hotel, alles aufgereiht an einer zentralen, überlaufenen Straße, vollgestopft mit Masse und Touristen. Da war im ersten Moment gar keine Magie, keine tiefere Geschichte.
Aber das Schöne ist: Die Stadt gibt dir keine Geschichte geschenkt. Du musst dir deine eigene mitbringen – und genau das ist uns in den nächsten Tagen passiert.