Raus aus dem Hamsterrad, rein nach Kalifornien

Raus aus dem Hamsterrad, rein nach Kalifornien

Vier Tage ist es jetzt her, dass ich an den Alsterarkaden ausgestiegen bin. Einfach so. Raus aus dem Hamsterrad, das sich viel zu schnell drehte, und hinein in das größte Abenteuer meines Lebens. Wenn ich ehrlich bin: Ich habe keine Ahnung, was in den nächsten zwölf Monaten auf mich zukommt. Das hier ist eine Reise zu mir selbst, und das Einzige, was ich weiß, ist, dass ich genau jetzt genau hier sein muss.

Tag 1: Rührei für 60 Dollar und die Kunst des Langsamfahrens

Der Tag hat verdammt gut angefangen! Erstmal gab es ein leckeres Frühstück im Hotel: Scrambled eggs with mushrooms, spinach, tomatoes und dazu Buttertoasts mit Blaubeermarmelade. Das Ganze für schlappe 60 Dollar. Schnäppchen! Ich glaube, ich bleibe für immer hier.

Danach ging es zum Hafen, um endlich unsere Mopeds abzuholen. Drei Stunden Wartezeit – die amerikanische Bürokratie hat eben ihr ganz eigenes Tempo. Kaum waren die Maschinen startklar, blinkte auch schon das Smartphone auf. Phil, ein Kumpel, den ich auf meiner letzten Motorradtour in den Dolomiten kennengelernt hatte, wollte sich unbedingt mit mir in L.A. auf ein Bier treffen. Phil war beim Militär, ist mittlerweile pensioniert und lebt das gute Leben. Es ist ohnehin erstaunlich: Kanadier und Amerikaner reisen ständig für Motorradtouren nach Europa. Aber ich? Ich musste ihm schweren Herzens absagen. Keine Zeit, absolut unmöglich! Dabei war es immer mein Traum, vielleicht irgendwann mal in L.A. zu leben, und da schadet es natürlich nicht, Kontakte zu knüpfen. Aber der Zeitplan drückt.

Als wir dann endlich auf der Straße waren, kam direkt das erste amerikanische Kulturschock-Erlebnis: das Tempolimit. Maximal 120 km/h (oder 75 Meilen pro Stunde, wie man hier sagt). Wenn ich da an unsere Autobahn A7 denke – Hamburg Richtung Flensburg: unbegrenzt. Ein absolutes Raser-Paradies.

Und noch etwas ist hier völlig anders als bei uns im Süden. Unsere Alpen sind voll von engen S-Kurven, Haarnadelkurven und 360-Grad-Kehren, die dir fahrerisch alles abverlangen. Die amerikanischen Bergstraßen? Riesig, breit, und die Kurven sind zwar da, aber extrem weitläufig. Alles ist darauf ausgelegt, dass die Harley-Fraktion gemütlich durch die Landschaft cruisen kann.

Dafür fehlt hier eine entscheidende Komponente des deutschen Straßenverkehrs: Fußgänger. Die gibt es in Amerika gefühlt gar nicht. Um Zebrastreifen muss man sich also kaum scheren. Bei uns in Hamburg sind die Fußgänger in der absoluten Überzahl, und als wäre das nicht genug, kommen noch Heerscharen von Fahrrad- und neuerdings E-Roller-Fahrern dazu. In Deutschland bist du als Motorradfahrer ständig am Notbremsen und musst irgendwie die Balance halten. Aber genau das formt den Charakter: Langsames Fahren will gelernt sein! Wer im Schneckentempo fahren kann, ohne umzukippen, der kann im Leben eigentlich alles. Das erfordert verdammt viel Übung. Kurz gesagt: Wir in Deutschland sind verdammt gute Motorradfahrer.

Ausgenommen natürlich die Italiener auf ihren roten Ducati Panigale V4. Die sehen zwar unverschämt sexy aus, aber die Italiener denken ohnehin, sie seien die allerbesten Fahrer der Welt. LOL.

Große Entfernungen und filmreife Nächte

Unser Plan für den Nachmittag: Zum ersten Mal ein bisschen durch Kalifornien düsen (ein Bundesstaat mit fast 40 Millionen Einwohnern – okay, in meiner Vorstellung fühlt es sich manchmal an wie Bangkok mit seinen 20 Millionen, einfach riesig!). Die Stadt Los Angeles zieht sich endlos in die Länge, eingequetscht zwischen dem Ozean und den Bergen. Als wir hoch in die Rolling Hills fuhren, wurde es plötzlich idyllisch: unberührte Natur, Pferde am Wegrand, und es roch intensiv nach Wald.

Vier Stunden haben wir am Ende gebraucht, um wieder zurück zum Hotel zu kommen. Die Entfernungen hier sind im Vergleich zu Deutschland einfach gigantisch. Aber der Rückweg hat entschädigt: Der Hafen von Long Beach bei Nacht ist absolut filmreif. In dem Moment habe ich mich grün und blau geärgert, dass ich meine GoPros noch nicht einsatzbereit hatte. Diese Bilder hätte ich gerne festgehalten.

Wieder im Hotel angekommen, haben wir die Mopeds in der Tiefgarage geparkt und sind zu Fuß in unsere neue Stammkneipe „Tacos & Margaritas“. Der Laden läuft so gut, dass wir tatsächlich 20 Minuten vor der Tür warten mussten, bis ein Tisch frei wurde. Aber wisst ihr was? Wenn man so einen Riesenhunger hat, ist dieses Warten plötzlich mit einer tiefen Dankbarkeit erfüllt.

In Hamburg kennt man das gar nicht. Wenn du in Hamburg nicht reservierst und der Laden voll ist, heißt es: „Kein Platz ist kein Platz“, und du kannst wieder gehen. Hier vor der Tür stehen? Undenkbar. Aber die Amerikaner nehmen einfach jeden Kunden mit. Ganz andere Mentalität – hier wird dafür gesorgt, dass wirklich niemand verhungert!

Der Blick nach vorn (und auf den Wetterbericht)

Morgen geht es dann richtig los. Unsere kleine Tour durch Kalifornien startet: Joshua Tree Nationalpark, Palm Springs, Santa Monica. Wir werden allerdings strikt innerhalb der Staatsgrenzen bleiben. Der Wetterbericht meldet nämlich eine extreme Unwetterwarnung – eine kalte Wetterfront aus Russland rollt an (aus Russland kommt wettertechnisch irgendwie immer das Schlimmste, LOL). In mindestens elf US-Bundesstaaten soll es bis zu minus 50 Grad kalt werden. Verschont bleiben wohl nur Florida und Kalifornien.

Das bedeutet leider auch, dass wir Nevada streichen müssen. Ich wollte so unendlich gerne nach Las Vegas… aber Sicherheit geht vor. Beim nächsten Mal vielleicht. Jetzt zählt erst einmal das Hier und Jetzt, die Straße vor uns und die nächsten Kilometer Freiheit.