Das Gewicht der Freiheit (und warum 24 Kilo zu viel wiegen)

Das Frühstück in einem Fünf-Sterne-Hotel ist immer vom Feinsten. Aber jeden Tag 60 Dollar allein für die wichtigste Mahlzeit des Tages hinzublättern, ist eine völlig neue Erfahrung für mich. Heute gab es Pancakes mit Blaubeeren, Butter und Honig. Die Portion? Gigantisch. Leider geil. Trotzdem beschließe ich innerlich: Die nächsten Tage müssen wir kürzertreten.

Nicht nur wegen des Geldes. Sondern weil mein Kopf dem Luxus gerade überhaupt nicht hinterherkommt.

Das Aussteigen fällt mir verdammt schwer. So unendlich schwer. An diesem Morgen holt mich die Realität meines alten Lebens mit voller Wucht ein. Ich bin von einem so tiefen, nagenden schlechten Gewissen geplagt, dass ich einfach nicht aufhören kann, über meinen Salon nachzudenken. Ich habe alles hinter mir gelassen. Alles!! Wenn man jahrelang als Workaholic funktioniert hat, ist das Gehirn auf permanente Leistungsabgabe programmiert. Ein "Ausstieg" im normalen Urlaub funktioniert bei mir genau eine Woche – das weiß ich heute, rückblickend, ganz genau. Aber damals, in diesem Moment an der Startlinie einer zwölfmonatigen Reise, konnte ich diesen Zustand der plötzlichen Leere einfach nicht ertragen. Es fühlte sich so surreal an. Als würde diese Reise gar nicht mir passieren, als wäre ich nur ein Zuschauer im falschen Film. Die nackte Existenzangst schnürte mir die Kehle zu. Wer bin ich eigentlich, wenn ich nicht arbeite?

Radikaler Ballastabwurf

Die erste philosophische Lektion des Tages folgt prompt beim Packen. Wir stellen fest: Viele Sachen, die wir aus Deutschland mitgeschleppt haben, passen einfach nicht auf die Mopeds. Wir müssen uns trennen. Und zwar radikal.

Das ist eine schmerzhafte Angelegenheit. Mein Buch Pressearbeit für Dummies werde ich wohl nie wieder zu Ende lesen. Meine neongelben Turnschuhe? Tonne. Mein Stevia-Pulver, mein Instant-Kaffee, meine geliebte, ehemals weiße Motocross-Hose und meine extrem geile Helmtasche von BMW… alles weggeschmissen. Es passte einfach nichts mehr rein.

Wenn man Business Class fliegt, nimmt man ohne nachzudenken 64 Kilo Freigepäck pro Person mit. Wenn man auf dem Moped sitzt, ist bei maximal 40 Kilo Schluss. Es leuchtet ein, dass die restlichen 24 Kilo weg müssen. Eigentlich eine schöne Metapher für das Leben: Um vorwärtszukommen, musst du Ballast abwerfen. Man kann nicht die ganze Vergangenheit auf den Sozius packen, wenn man in die Freiheit fahren will.

Um 12:30 Uhr kommen wir dann endlich los.

Kalifornien abseits der Postkarten

Heute sehen wir Kalifornien mal ganz anders. Wir steuern die Ecken an, an die sich normalerweise kein Touri verirrt. Von Long Beach aus fahren wir über den Ortega Highway – eine wunderschöne Strecke über kleinere Berge – bis in das kleine Städtchen Temecula. Wer hätte das gedacht: Hier gibt es nicht nur Strände und Palmen, sondern typische Ranches und riesige Weinberge. Ja, Kalifornien produziert verdammt leckeren Wein! Die Gegend ist ruhig, herrlich unaufgeregt und vor allem fest in der Hand von Einheimischen, die hier Urlaub machen. Alles ist ziemlich Low-Budget – hier kann man richtig gut sparen. Genau das Richtige für unseren neuen, reduzierten Lebensstil.

Weihnachten bei den Fast-Food-Kindern

Weil heute der Tag vor Weihnachten ist, stehen wir plötzlich vor einem logistischen Problem: Alle Geschäfte, Bars und Restaurants haben geschlossen. Die Straßen sind wie leergefegt. Die einzige Rettung? Ein nahegelegenes McDonald’s. Unser Weihnachts-Abendbrot wird uns heute von einer Horde pubertierender amerikanischer Teenager zubereitet.

Wir sind die einzigen Gäste im Laden. Brav bestellen und bezahlen wir alles über den riesigen Touchscreen am Eingang. Und dann beginnt das Warten. Die Essenszubereitung dauert eine gefühlte Ewigkeit, weil in der Küche eine extrem ausgelassene Partystimmung herrscht. Es stehen etwa zehn Teenager zusammen: Einige essen selbst genüsslich Eis, andere quatschen, ein paar stehen einfach nur dekorativ in der Gegend rum.

Vom Tisch aus können wir das Spektakel perfekt beobachten. Und trotz meines anfänglichen Kopfkinos wegen des Salons müssen wir irgendwann einfach nur noch herzlich lachen. Es ist absolut amüsant zu sehen, dass zehn Kinder ganze 20 Minuten brauchen, um zwei Cheeseburger, eine Pommes, ein Eis und eine Cola über die Theke zu schieben. Aber hey: Essen für zwei Personen für gerade mal 20 Dollar. In Kalifornien! Ein Weihnachtswunder.

Morgen geht es weiter nach Palm Springs. Danach schauen wir einfach, was das Wetter sagt. Unser loser Plan steht: Am 3. Januar wollen wir wieder in L.A. sein. Aber erst einmal feiert ganz Amerika am Sonntag, den 25. Dezember, ganz groß Merry Christmas. Und ich feiere mit – Schritt für Schritt, auch wenn das schlechte Gewissen auf dem Sozius immer noch ein bisschen mitfährt.